Samstag, 30. August 2014

Singen und Belcanto - der Unterschied und wie man es trainiert....



Dr. Karin Wettig –  www.personalitystyling.com     beantwortet folgende Fragen über Gesang  

Wo genau liegt der Unterschied zwischen normalen Gesang und Operngesang?

Normaler Gesang wird mit der untrainierten Singstimme erzeugt.
Dabei achtet der Sänger nicht darauf, ob der Kehlkopf in der balancierten Tiefposition bleibt, die Zunge flachliegt und die Resonanzräume von Brust, Kehle, Nebenhöhlen, Nacken und die Resonanzleitung über das Skelett an der Tonproduktion mit beteiligt ist. Jeder Sänger oder Vogel singt einfach so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Auch jeder Popsänger, sofern er keine Ausbildung hat und mit seiner natürlichen Stimme singt, produziert die Töne über den Tonumfang von 1 bis höchsten 2 Oktaven so wie es kommt. Deswegen hört man bei jedem untrainieten Sänger einen Registerwechsel von der Tiefe nach oben und einen Lautstärkewechsel im Übergang der Register. Die naturbelassene Gesangsstimme hat Übergänge und unterschiedliche Klanggebungen in der Tiefe und Höhe. Mit der Bruststimme kann man leichter laut singen oder schreien, während die Oberstimme oft pfeifend oder auch schrill und gepresst klingt. Wird sie in mädchenhaftem Engelston gesungen, fehlt meistens die Brustresonanz.

Belcanto - Operngesang - italienische Gesangstechnik  ist seit 1600 durch die Opern Monteverdis und die italienische Gesangschulen -Tradition entstanden.

Straßenfestivals wie die Commedia dell'Arte haben die kräftige Naturstimme auf die Bühnen gebracht und, da es keine Mikrofone gab, musste man sich auf die alte Tradition der Amphitheater besinnen und die Powerstimme mit der Brustresonanz und der Stütze durch das Zwerchfell besinnen. Die Tradition wurde in den meist kirchlichen Sängerschulen weiterentwickelt, vor allem in der berühmten päpstlichen Kapelle, in der nur männliche Sänger zugelassen waren. Da Frauen an den Herd und nicht auf die Bühne gehörten, ließen viele Eltern ihre kleinen Söhne entmannen, um sie als Kastraten gewinnbringend in der päpstlichen Kapelle unterzubringen. Auch wenn das später verboten war, setzte sich Kastratengesang bis zu BEginn des 20. Jahrhunderts fort. Die Faszination der Kraft der männlichen Stimme, kombiniert mit der Süße und Obertönigkeit der engelsgleichen hohen Frauenstimme wirkten wie Magie auf das Publikum.

Die italienische Gesangstechnik entwickelte sich aufgrund der sanglichen italienischen Vokale in den Sängerschulen und breitete sich über Europa und die Welt aus.
 Auch die Frauen blieben nicht hinter dem Herd, sondern erschienen auf den Bühnen. Die natürliche Gesangsstimme mit ihren 1,5 Oktaven wurde nun durch italienische Stimmakrobatik und die Kastratensänger zu höchster akrobatischer Vollendung geführt.
Triller, Läufe, große Sprünge und Trompetenklänge ließen den berühmtesten Kastraten aller Zeiten Farinelli sogar gegen einen Trompeter im Orchester den Wettbewerb gewinnen.
Enrico Caruso und Maria Callas wurden viel später zu Ikonen und Symbolen des dramatischen Operngesanges wie er heute noch gelehrt wird.

Der Unterschied zwischen einer so ausgebildeten Opernstimme und einer unausgebildeten Sängerstimme ist leicht zu erkennen:
Der Klang ist voller und trägt viel weiter im Raum.  Der Ton schwingt im ganzen Körper und wird wie ein Laserstrahl in den Raum gebeamt. Die Obertöne sind wesentlich reichlicher vorhanden, vor allem die berühmten Sängerformanten, die den Laien so tief im Herzen berühren. Der Sänger singt mit seinem ganzen Körper, am wenigsten mit seiner Kehle.  Kiefergelenke, Lippen, Zunge und Gesicht bleiben entspannt, die Körperhaltung ist optimal aufgerichtet und in der Balance. Nur so können die Resonanzräume im Körper optimal genutzt werden.

Im Belcanto nutzt der Sänger ein sogenannten Einheitsregister, d.h. er wechselt nicht seinen Tonansatz von derTiefe zur Höhe, auch nicht die Position seines Kehlkopfes oder die Nutzung der Resonanzräume, sondern nutzt seine Stimme wie ein Musiker sein Instrument. Die Opernstimme wirkt dadurch einzigartig in ihre Färbung bei jedem Sänger und jeder Diva. Der gesamte Körper wird durch eine besondere Atemtechnik aktiviert; der Brustkorb und die Zwischenrippenmuskulatur zusammen mit Bauch und Beckenboden und der Schamgegend muskulär aktiviert. Nur wenn die Zunge entspannt ist, flach liegt und der weiche Gaumen sich wie ein Zeltdach hebt, ist es möglich, die Töne von der tiefsten Tiefe bis zur höchsten Höhe mühelos gleiten zu lassen. Die Position von Körper, Kopf, Brust und Nacken müssen in der vollkommenen Balance sein, um einen großen Ton mühelos zu erreichen. Die Lungenkapazität eines Caruso und seine Beherrschung des langen Ausatems waren vorbildlich.
Operngesang - Belcanto ist daher hauptsächlich eine Kombination von Muskelbeherrschung & ökonomischer Atem- und Stimmführung.
 
Die italienische Gesangstechnik des Belcanto ist seit Jahrhunderten die beste Möglichkeit, diese Stimmfunktion zu erlernen. 

Leider hat das Aufkommen von Mikrofonen sängerische Leistungen von der authentischen natürlichen vollen Stimme unabhängig gemacht und so das Verständnis für die wahre Stimme verschleiert. Deswegen sind leider heutzutage manche Stimmtrainer nicht mehr in der Lage, wahren Belcanto korrekt zu unterrichten. 

Mehr über die Theorie, Geschichte und vor allem die Praxis des Belcanto und die Entwicklung der authentischen wahren Singstimme findet sich in meinen Büchern 

Eure singende  Dr. Karin Wettig, Vocal Coach BELCANTO

Ah non credea mirarti - Vincenzo Bellini 




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